Bunker und Luftschutzanlagen

    Vorbunker und „Führerbunker“

    Mit Hitlers Selbstmord im sogenannten „Führerbunker“ am 30. April 1945 fand – auf Europa bezogen – der Zweite Weltkrieg in Berlin faktisch sein Ende. Um den Schauplatz – die bekannteste und wohl auch berüchtigtste Bunkeranlage Deutschlands – ranken sich jedoch bis heute die größten Legenden. Im Nachhinein wurde der „Führerbunker“ oft in Größe und Ausstattung verklärt und überinterpretiert. Dabei war dieser Tiefbunker nur einer von vielen im ehemaligen Regierungsviertel rund um die Wilhelmstraße und hatte eine weit geringere Kapazität als gewöhnliche öffentliche Luftschutzbunker.

    Aus Anlaß des 60. Jahrstages des Kriegsendes wollen wir Licht in dieses Dunkel bringen und den geneigten Leser über die tatsächlichen Fakten und Ereignisse dieses Bauwerks informieren.

    Chronik

    • 1935-1942
      Beim Neubau eines Diplomaten-Empfangssaals der alten Reichskanzlei errichtet die Firma Hochtief AG 1935/36 einen ersten auch offiziell so genannten „Luftschutzkeller“ (Deckenstärke: 1,60 Meter, Wandstärken 1,20 Meter). Die Baukosten liegen bei 250.000 Reichsmark. Benutzt wurde dieser Schutzraum von Hitler vermutlich während der ersten britischen Luftangriffe auf Berlin ab August 1940
    • 18. Januar 1943
      Nach dem endgültigen Verlust der Lufthoheit gibt Hitler das Projekt bei Albert Speer in Auftrag: „Da der Luftschutzbunker in der Reichskanzlei nur eine Deckenstärke von 1,6 m hat, ist im Garten sofort ein Bunker nach den neuen Abmessungen (3,5 m Decke, 3,5–4,0 m Seiten), aber mit den selben inwändigen Abmessungen wie der jetzt vorhandene Führerbunker zu bauen. Der Architekt Carl Piepenburg soll die Baudurchführung übernehmen.“ Bautrupps der Firma Hochtief AG beginnen auf der Gartenfläche der Reichskanzlei vor dem Empfangssaal mit dem Aushub einer rund zehn Meter tiefen Baugrube.
    • 23. Oktober 1944
      Der Reichshauptkasse wird die Fertigstellung des Bunkers gemeldet. Der als Bauvorhaben B 207 kodierte Schutzraumkomplex soll mit seinem dicken Stahlbeton den stärksten, in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt bekannten alliierten Bombentypen standhalten können und verschlingt insgesamt 1,35 Millionen Reichsmark an Baukosten. Die gesamte Innenausdehnung beträgt sowohl beim Vor- als auch beim Führerbunker etwa 15 mal 20 Meter, die Innenhöhen liegen bei etwas über drei Metern.
    • 1944/45
      Die Abschlußdecke wird von oben nochmals mit einer sogenannten Zerschellschicht um einen Meter verstärkt. Bis Kriegsende können die Arbeiten allerdings nicht vollständig fertiggestellt werden. So wird der Belüftungsturm direkt neben dem Gartenzugang nur noch zur Hälfte betoniert. Ein zweiter kegelförmiger Turm dient der Abluft, wird aber fälschlicherweise in verschiedenen Nachkriegspublikationen zum Beobachtungs- und Verteidigungsturm nebst MG-Stand uminterpretiert.
    • 20. April 1945
      Hitler „feiert“ im Führerbunker seinen 56. Geburtstag. Zur alljährlichen Gratulationscour versammeln sich noch einmal die wichtigsten NS-Funktionsträger des stark zusammengeschrumpften Reiches. Bereits einen Monat zuvor, am 20. März 1945, nahmen im Garten der Reichskanzlei rund 50 „Mann“ Aufstellung, eine versprengte Abordnung der Hitlerjugend und der SS-Division „Frundsberg“, die sich mit Verzweiflungstaten gegen die vorrückenden Sowjetpanzer hervortaten. Sie wurden von Hitler – in Anwesenheit von Kameramännern der Wochenschau und Photographen, die diesen letzten öffentlichen Auftritt des „Führers“ dokumentierten – mit dem Eisernen Kreuz für ihre „Heldentaten“ bei der Verteidigung Berlins ausgezeichnet. Danach ging Hitler wieder die Treppe hinunter in seinen Bunker. Fälschlicherweise wird dieses Ereignis allerdings immer wieder auf den 20. April datiert.
    • 30. April 1945
      Hitler und seine Frau Eva, geb. Braun, die er noch im Bunker heiratet, begehen in den Nachmittagsstunden Selbstmord. Die Leichen werden im Garten vor dem Bunkerausgang verbrannt. Kurz darauf sterben die sechs Goebbels-Kinder durch die Hand ihrer Mutter, danach verüben der Propagandaminister Joseph Goebbels – von Hitler kurz zuvor noch testamentarisch zum neuen Reichskanzler ernannt – und seine Frau Magda ebenfalls Selbstmord. Damit findet, zumindest auf Europa bezogen, der Zweite Weltkrieg faktisch sein Ende, der insgesamt über 55 Millionen Menschen das Leben gekostet haben wird.
    • 5. Dezember 1947
      Der Führerbunker wird durch sowjetische Pioniere gesprengt. Beide Belüftungstürme und das Zugangsbauwerk brechen auseinander, sämtliche Zwischenwände im Bunker werden zerstört, die Bunkerdecke durch die Wucht der Explosion um 40 cm verschoben.
    • Sommer 1959
      Es erfolgen weitere Sprengungen, danach wird das Gelände eingeebnet, die Zugänge zugeschüttet, und die Stahlbetontrümmer mit einem Hügel übererdet. Danach wird über der ganzen Fläche zunächst eine Grünanlage angelegt.
    • 1961-1973
      Durch den Bau der Berliner Mauer gerät das Areal des Führerbunkers in das unmittelbare Grenzgebiet. Nach der Entdeckung einiger lange Zeit vergessener Straßentunnel unter dem Tiergarten auf der Westseite des Brandenburger Tores beginnt die Staatssicherheit der DDR im Jahre 1970 mit der Untersuchung des Geländes der ehemaligen Neuen Reichskanzlei. Dabei werden 1973 erstmals auch der Vor- und der Führerbunker wieder geöffnet, vermessen und fotodokumentiert, bald darauf aber wieder versiegelt.
    • 1985-1989
      An der damaligen Otto-Grotewohl-Straße (heute wieder in Wilhelmstraße umbenannt) errichtet die DDR ab 1986 neue Wohnkomplexe, für die Enttrümmerungen bis in eine Tiefe von sieben Metern stattfinden. Vom Führerbunker wird 1988 die Abschlußdecke abgetragen, Bodenplatte und Außenwände bleiben aufgrund der zu hohen Abrisskosten erhalten. Nach mühevollem Zertrümmern der Stahlbetondecke wird der verbliebene Hohlraum im Spätherbst des gleichen Jahres mit Kies, Sand und Schutt verfüllt. Seither liegen darüber ein Parkplatz und eine Grünfläche, die bis heute nur unwesentlich verändert wurden.
    • 2004
      „Der Untergang“, ein Spielfilm der Münchener Filmproduktionsgesellschaft Constantin kommt in die deutschen und internationalen Kinos und hat die letzten Kriegstage in Berlin und vor allem die Ereignisse im Führerbunker zum Thema. Mehrere Vereinsmitglieder wirken hierbei als Berater mit. So wird nach ihren rekonstruierten Plänen in den Bavaria-Studios in München für die Filmaufnahmen der Führerbunker im Maßstab 1:1 nachgebaut.
    • Juni 2006
      Nach jahrelangen Recherchen ist es dem Verein „Berliner Unterwelten“ gelungen, in enger Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Informationstafel zur Geschichte des Führerbunker zu erstellen. Sie wird am 8. Juni an historischer Stelle in der Gertrud-Kolmar-Straße (in den Ministergärten nahe dem Potsdamer Platz) aufgestellt. Die Tafel soll den geschichtsinteressierten Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit geben, diesen bedeutenden, wenngleich auch mit einer negativen Historie belasteten Ort auffinden zu können. Durch eine Sichtbarmachung des Areals des ehemaligen „Führerbunkers“ soll einer Mythenbildung und einer nostalgischen Verklärung entgegengewirkt werden.

    Fakten

    in Betrieb: Vorbunker 1935–36, Führerbunker 1943–45
    Ausdehnung: Länge ca. 27 m, Breite ca. 22 m, Höhe ca. 7,60 m (Innenraum und Abschlußdecke), Fundamentstärke: ca. 2 m
    Nutzungszweck: Luftschutzbunker (Tiefbunker)
    Zustand: gesprengt, Decke abgetragen, verfüllt

    Autor: Dietmar Arnold, Stand 31. Januar 2017

    „Vierzig Stufen unter der Stahlbetondecke“

    Im Dezember 1947 wurde der sogenannte Führerbunker gesprengt. Ein scharfer Knall zerriß die Luft, ein gewaltiger Rauchpilz erhob sich über der Sprengstelle und hüllte die Straßenzüge in eine Wolke von Staub und Rauch. Knapp zwei Wochen zuvor erschien im „Telegraph“ ein Artikel, der die Beobachtungen eines Journalisten und zugleich wohl die letzten Eindrücke aus diesem schaurigen Bauwerk für die Nachwelt überliefert.

    „Vierzig Stufen führen hinab in den acht Meter unter der Erde gelegenen Bunker mit der 4,20 m starken Stahlbetondecke. Selbst als Laie erkennt man, daß selbst Bomben schwersten Kalibers hier wirkungslos geblieben wären. 20 cm hoch steht noch das tiefschwarze ölig-schmierige Wasser. Zwei matte Taschenlampen erhellen die Räume nur notdürftig. Hohe Gummistiefel schützen gegen das Wasser. Wir stolpern und rutschen vorwärts, tasten uns an den glitschigen Wänden entlang. Unsicher geht`s vorwärts. Dreck, Drähte und Gerümpel liegt haufenweise unter Wasser. Einer der Schweißer liegt plötzlich im Wasser, seinen Gummistiefel hat er sich zerrissen. Auch hier sind in die Wände Namen eingeritzt, meistens russische Schriftzüge.

    An einem Ende des 30 x 30 m großen Bunkers gehen die Schweißer an die Beseitigung einer Entlüftungsanlage, die der Feuerwehr beim endgültigen Auspumpen Schwierigkeiten bereitet. Die Bunkerräume, in denen, entgegen aller Erwartungen, eine ganz gute Luft herrscht, sind auch bis aufs letzte ausgeräumt. Selbst die Toilettenbecken und Lichtschalter sind nicht mehr vorzufinden. Ein paar Gasmaskenfilter schwimmen umher. Panzertüren lauern gleich tückischen Fallen unter dem undurchsichtigen Wasser. An den Hauptgang stoßen links und rechts Räume, alle nicht sonderlich groß, Türen sind nicht mehr vorhanden. Das Zimmer, in dem Hitler seine letzten Tage verbrachte, erkennt man an einer herausgebrochenen Schiebetür, mit der er sein Zimmer in zwei Räume teilen konnte. Ein zertrümmertes Waschbecken liegt in der Ecke. In der Telefonzentrale stehen noch ein paar Blechregale herum. Ein Garderobenständer steht einsam in der Ecke. Die Tür, die […] nach oben führte, ist durch zwei mit Rost und Schimmel überzogene Warmwasserspeicher versperrt. Dicht neben dem Eingang ein senkrechter Schacht mit einer Eisenleiter; sie endet in dem zuckerhutförmigen Beobachtungsbunker [Anm.: in Wirklichkeit der Abluftturm] neben dem Haupteingang.

    Ich steige die Treppe wieder nach oben. Unter den Worten: ‚Es lebe der Führer’ hat ein anderer: ‚Restlos hysterisch’ gekritzelt. Wie sehr recht er hat!“


    Aus: „Vierzig Stufen unter der Stahlbetondecke – das blieb übrig: Zertrümmertes Waschbecken im bombensicheren ‚Führerbunker’“ erschien in „Telegraph“, 25. November 1947.

    Es handelt sich um eine absolut authentische Nachkriegsbeschreibung des Führerbunkers. Alle wesentlichen Angaben dieses Artikels sind akribisch nachgeprüft worden und können so als historisch korrekt angesehen werden. Daher ist dieses zeitgeschichtliche Dokument hier in voller Länge wiedergegeben.