Verkehrsbauwerke

    Achsenkreuz unter dem Tiergarten

    Der neue Nord-Süd-Tunnel

    Berlin, im Frühjahr 2001. Das gröbste ist geschafft. Der Tiergarten sieht wieder merklich anheimelnder aus. Die meisten Baukräne sind verschwunden, die Röhren im Untergrund versenkt. Die wesentliche Struktur des Nord-Süd-Tunnels unter dem Tiergarten ist da angekommen, wo sie auch hingehört, unter der Erde. Das kombinierte Unterfangen aus Eisenbahn-, Straßen- und U-Bahntunnel tritt damit in die entscheidende Phase. Nicht mehr lange dauert es, und Züge und Autos brausen und sausen sehr viel schneller durch die, nein unter der Stadt. Aber dieses Vorzeigeprojekt der Deutschen Einheit ist nicht das allererste dieser Art. Man glaubt es kaum, aber in diesem Areal des östlichen Tiergartens, das zeitweilig mehr an einen Schweizer Käse erinnerte, befinden sich noch weitere, geheimnisvolle unterirdische Objekte – genau zwischen dem Straßentunnel der B 96 (unter der Entlastungsstraße) und den Bahntunneln. Es handelt sich dabei um einen U-Bahn- und zwei Straßentunnel, besser: „blinde Tunnel“ – Tunnelfragmente aus der Zeit des Dritten Reiches.

    Die realisierten Germaniaplanungen unter dem Tiergarten

    Die Nationalsozialisten hatten große Pläne mit Berlin. Im Rahmen der sogenannten „Neugestaltungsmaßnahmen für die (künftige) Reichshauptstadt Germania“ unter Federführung von Albert Speer, dem Chefarchitekten und „Generalbauinspektor“, sollten zwei gewaltige Straßenachsen in das Weichbild der Stadt geschlagen und ganze Stadtviertel dafür geopfert werden. Neben der Ost-West-Achse entlang des heute noch so bestehenden Straßenzuges Unter den Linden – Straße des 17. Juni – Ernst-Reuter-Platz – Bismarckstraße war das vor allem die pompöse, überdimensionierte Nord-Süd-Achse, eine mehrspurige Autobahn von der gigantischen Großen Halle (dort, wo heute die Verwaltungsgebäude des Bundestags neben dem Reichstag stehen) mitten durch den Tiergarten nach Schöneberg zu einem geplanten megagroßen „Südbahnhof“. Beide Straßenzüge sollten sich etwa in Höhe des Sowjetischen Ehrenmals kreuzen, wobei der Straßenverkehr, von Süden herkommend, durch ein kompliziertes Tunnelsystem gefädelt, Richtung Platz vor dem Brandenburger Tor und von dort hinter dem Reichstag vorbei nach Norden weitergeleitet werden sollte. Über die Spree, die Invalidenstraße querend, weiter bis nach Wedding zur Seestraße. Dazu kam ein Tunnel für eine ganz neue U-Bahnlinie G von Lübars nach Marienfelde, eine unterirdische Nord-Süd-Achse, Teil eines künftigen U-Bahnnetzes nach Moskauer Vorbild, mit einem geschlossenen innerstädtischen U-Bahnring.
    Mit dem Bau des besagten Tunneleinfädelungssystems wurde noch im Jahre 1938 begonnen. Es gab schon sehr konkrete Gestaltungsvorschläge: die Tunnelwandungen sollten aus glasierten Flächen mit gelblich-weißen italienischen Marmor bestehen, um so eine große, senkrechte Feldereinteilung machen zu können. Auf das Brandenburger Tor sollte weitgehend Rücksicht genommen werden, der in Nord-Süd-Richtung ausgelegte Straßentunnel in der Hermann-Göring-Straße heute Ebertstraße) war so anzulegen, daß die Hermann-Göring-Straße südlich des Brandenburger Tores nicht übermäßig verbreitert werden mußte. Fast nichts von diesen verkehrspolitischen Träumereien wurde realisiert, der Krieg kam dazwischen, nicht mehr Tunnel waren nun zu bauen, sondern Bunker. Ebenfalls unter der Obhut des Generalbauinspektors, allerdings. Einiges kam aber doch in den märkischen Sand. Die Unterführungen unter die Ost-West-Achse wurden doch sofort und nicht erst später eingebaut, und zwar auf Wunsch des damaligen Stadtbaurates Langer, zuständig für die Tiefbausachen in der Hauptstadt, gegen eine Anregung von Speer. Dazu kam noch ein etwa 200 m langes Tunnelstück der neuen U-Bahnlinie G, 6,80 m breit, 16 m unter der Oberfläche gelegen.

    Wiederentdeckung und Sanierung

    Nach dem Kriege wurden diese Baureste zugeschüttet oder zubetoniert. Erst in den Sechziger Jahren wurden die Tunnel wiederentdeckt. Mittlerweile waren sie voll Wasser gelaufen und mußten erst kostspielig freigepumpt werden. Weil ein Abriß noch teurer gekommen wäre, hat man sie sogar saniert, aus Sicherheitsgründen. Diese Reste gigantomanischer Planungen lagern noch heute unter dem Tiergarten. Rostige Steigeisen führen in die Tiefe herunter. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Kameraobjektive und Brillen beschlagen sich sofort. Die Atmosphäre wirkt unwirklich, düster, erdrückend. Der Hall allerdings ist beeindruckend und lädt zum Singen von Gregorianischen Chorälen geradezu ein. Eine künftige zweckgebundene Verwendung ist nicht vorgesehen. So dümpeln diese unterirdischen Tunnelgräber mit ihrer einmaligen Schallakustik auf unabsehbare Zeit ungestört vor sich hin.

    Fakten

    Erbaut: 1938–1941
    Ausdehnung:
    Längen von 90 bis ca. 220 m, Breiten 6,80 – 14,90 m, Tiefe bis zu 16 m unter Straßenniveau
    Nutzungszweck:
    Straßentunnel und Tunnel für die geplante U-Bahnlinie G (Lübars-Marienfelde)
    Zustand:
    Rohbau, nicht vollendet, nicht öffentlich zugänglich

    Autor: Ingmar Arnold, Stand: 21. Januar 2016