Projekt Oswald-Berliner-Brauerei

    Instandsetzung 2011

    In Verbindung mit der Anmietung der Gewölbe in der Brunnenstraße 143 kam es zum Kontakt mit dem Fotografen Matthias Kupfernagel. Schnell wurde die Idee geboren, in den Gewölben seine Ausstellung, eine einzigartige Dokumentation der Berliner Mauer, zu präsentieren. Auch auf einen idealen Zeitrahmen konnten wir uns schnell verständigen: Im Zusammenhang mit der Nähe zur „Gedenkstätte Berliner Mauer“ an der Bernauer Straße wurde die Vernissage am den 13. August (50. Jahrestag des Mauerbaus) festlegt. Das Ende der Ausstellung sollte um den 9. November liegen (Jahrestag des Mauerfalles). Um jedoch überhaupt Publikum in die Gewölbe hinunterlassen zu dürfen, mussten als allererstes die Notausgänge hergerichtet werden.
    Folglich lag der Schwerpunkt der nächsten Woche darin, als erstes den zweiten Notausgang zum Garten herzustellen. Hier waren fast überhaupt keine Treppen vorhanden oder nicht mehr vorhanden. Die Fluchtwege aus den Gewölbetonnen endeten hier in einer Lehmkuhle und einer „Sandrutsche“. Folglich mussten also drei Treppen vollständig neu betoniert werden.
    Die Bauaufsicht stelle zudem fest, dass der Notausgang im Seitenflügel mit knapp 1,90 Metern nicht über eine ausreichende Höhe verfügte. Hier durfte also notwendigerweise alles tiefer gelegt und schwere alte Granitstufen ausgebaut werden. Und zu guter Letzt gab es hinten im Hof, den wir in mehr oder weniger zugemülltem Zustand vorfanden, noch eine völlig ungesicherte Bodenöffnung, die einst eine Verbindungstreppe zu einem im Zweiten Weltkrieg zerstörten oberirdischen Gebäudeteil erhielt. Das alles galt es nun instand zu setzen.
    Da der Zeithorizont sehr eng bemessen war, holten wir uns Unterstützung von der Fa. Wisniewski & Partner. Es gelang so, bis Ende der ersten Augustwoche alle Schalungs- und Betonierungsarbeiten zum Abschluss zu bringen. Parallel wurden der Müll samt eines defekten dort abgestelltes Baufahrzeuges entsorgt, die Elektrik und vorhandene Toilettenanlagen instandgesetzt, ein Empfangstresen gefertigt und die Ausstellung aufgebaut. Schließlich noch die Montage der obligatorischen Feuerlöscher und Verbandskästen. Am 12. August erfolgte die Abnahme durch sichtlich beeindruckte Vertreter der Bauaufsicht des Bezirksamts Mitte von Berlin. Der erste wichtige Schritt war somit geschafft. Die Ausstellung konnte nun eröffnet werden.

    Unmittelbar nach der Ausstellungseröffnung „Die Berliner Mauer 1989“ und teilweise während des Besucherbetriebs wurden die Instandsetzungsarbeiten in den Gewölben fortgesetzt. Ein großes Problem war es, den Schuttmassen, die in der Gewölbetonne 3 lagerten, „Herr zu werden“. Trotz mehrerer Baueinsätze unter Beteiligung zahlreicher Vereinsmitglieder, die regelrechte Eimerketten bildeten, um den Abraum wieder ans Tageslicht zu befördern, wurden die Schuttberge scheinbar nicht kleiner, wirkliche Ergebnisse waren kaum erkennbar. Besonders problematisch erwiesen sich dabei nicht die alten Mauerziegel sondern die Unmengen an Feinschutt, die besonders schwer herauszuschaffen waren. Daher wurde beschlossen, sogenannte Saugbagger zu Einsatz zu bringen. Auf diese Technik wurden wir von Zimmermännern der benachbarten Baustelle aufmerksam gemacht. Gigantische Staubsauger sollten den Feinschutt herausschaffen? Kaum vorstellbar. Damit diese Maschinen ihre „Rüssel“ ins Gewölbe herunterlassen konnten, mussten als Allererstes die alten Abluftöffnungen, die rund zwei Meter unter der Gartenfläche lagen, wieder freigelegt werden.
    Wenig später rückte dann die Entsorgungsfirma „Dare GmbH“ mit dem entsprechenden Gerät an, und nun ging es tatsächlich, wenn auch langsam, voran. Probleme machten vor allem Bruchziegel, die die Ansaugdüsen verstopften. Daher musste der Feinschutt vor dem Absaugen immer wieder aufs Neue ausgeharkt und von Ziegelschutt bereinigt werden. Der weggesaugte Bauschutt verschwand dann im Bauch der Saugbagger. Waren diese „vollgefressen“, konnte der Abraum über riesige Klappen im Heck der Spezialfahrzeuge im einstigen Mauerstreifen entleert und dann abgeholt werden. Der Ziegelschutt selbst musste per Hand und Seilwinde nach oben befördert und dann in einem Bauschuttcontainer zwischengelagert werden, der bis zu zweimal wöchentlich entleert wurde.
    Zeitgleich zur Saugaktion war es erforderlich, die vielen Löcher in den Gewölbedecken wieder verschließen. Anmerkung dazu: Diese Öffnungen wurden um 1965/66 in die Decken gebrochen, um den nicht verwertbaren Schutt der vermauerten Abbruchhäuser an der Bernauer Straße, die im Zusammenhang mit dem Ausbau des Todesstreifens beseitigt wurden, einbringen zu können. Im Rahmen der Absicherung des Grenzhinterlandes verfüllte man die vorhandenen Gewölbe mit diesem Schutt, um zu verhindern, dass die unterirdischen Anlagen von Fluchttunnelgräbern genutzt werden. Durch Trümmerschutt einen Stollen zu graben, ist mehr oder weniger unmöglich, denn man kann diesen nicht abstützen.
    Mit diesen speziellen Aufgaben wurde unser Vereinsmitglied Klaus Köppen – selbst einst im Berufsleben Polier und 1964 sogar Fluchttunnelgräber – und Alex Richter von der Fa. Wisniewski & Partner betraut. Teilweise mussten sie von unten spezielle Schalungen bauen, um dem neu einzusetzenden Mauerwerk bis zum Aushärten des Mörtels Halt zu geben. Diese Arbeiten waren ebenfalls sehr mühevoll und aufwendig.
    Erst, nachdem die Deckendurchbrüche verschlossen waren, konnten die Arbeiten an der Hofabdichtung vorgenommen werden. Besonders im „Säulenkeller“, bei dem die Gewölbebögen auf gusseisernen Säulen ruhten, hatte die Decke durch jahrzehntelang eindringendes Regenwasser und Frost erheblichen Schaden genommen. Nach jedem Regenfall lief das Sickerwasser hier in regelrechten Sturzbächen von Decke und Wänden. Diese Arbeiten wurden mit Hochdruck durchgeführt, denn wir wollten das gute Spätsommerwetter ausnutzen. Und bereits Ende September war die Kellerdecke zum Hof hier wieder dicht. Zeitgleich wurden die „Carports“ instandgesetzt und das beim Abbruch alter Garagen anfallende Material gesammelt und genutzt, um bei der Hofüberdachung eine Feuerschutzwand einzuziehen.
    Parallel zum ersten Teil der Hofabdichtung mussten weitere alte Lüftungsschächte, die in den Säulenkeller und den ehemaligen Brunnenraum führten, wieder freigelegt und instandgesetzt werden. Diese Schächte sollten einer künftigen Entrauchung dienen und waren Auflagen der Bauaufsicht, um die Gewölbe für Besucher nutzen zu können. In der „AG-Tunnelfluchten“ hatte Gernot Schaulinski am 4. November 2011 ein erstes Konzept für eine Nutzung der Räume in der Brunnenstraße 143 vorgestellt, und im kommenden Winter sollte die Tour M erstmals hier hinunterführen, damit Besucher und Führungspersonal nicht mehr im Außenraum frieren müssen.
    Nachdem die Ausstellung von Matthias Kupfernagel am 13. November beendet war, konnte mit den nötigen Innenausbauten begonnen werden. Für neue Besuchertoiletten und eine Teeküche musste das vorhandene Provisorium abgebrochen und vollständig beseitigt werden, dazu fast sämtliche Wasser- und Abwasserleitungen, Stromkabel und Heizungsrohre erneuert oder völlig neu verlegt werden. Parallel dazu hatte sich die Saugbagger-Mannschaft Anfang Dezember in der Gewölbetonne 3 endlich erfolgreich zum historischen Bodenbelag durchgekämpft.
    Fazit für die wichtigen Instandsetzungsarbeiten 2011: Alle nötigen Treppenanlagen und Notausgänge konnten (wieder) hergestellt werden, der Säulenkeller wurde abdichtet, fast alle Löcher in den Gewölbedecken geflickt, Müll und Deck entsorgt, der Innenausbau aufgenommen, und bei Der Entsorgung des Bauschutts kamen wir in die zweite Halbzeit.

    Instandsetzung 2012

    Direkt am 2. Januar wurde die Schuttberäumung in der Gewölbetonne 3 fortgesetzt, und noch am gleichen Tag waren die ersten vier Quadratmeter des historischen Bodenbelages freigelegt. Wir hatten uns durch einen unglaublichen unterirdischen Berg hindurchgearbeitet. Parallel dazu erfolgte der Innenausbau: Verlegen neuer Elektrokabel sowie der Heizungs-, Wasser- und Abwasserleitungen. Zudem war noch reichlich was an Mauerwerk auszubessern sowie einige beschädigte Gewölbebögen wieder herzustellen – bis dahin ein statisches Risiko. Die neuen Zwischenwände im Toiletten und Teeküchenbereich konnten noch im Januar fertiggestellt werden, so dass diese Räume funktionsfähig wurden. Auch die Heizung lief, doch draußen war es glücklicherweise die meiste Zeit nicht sehr kalt, so dass wir, statt in unserer „Wärmestube“ zu sitzen, auch mit anstehenden Außenarbeiten weiter fortfahren konnten. Die nachfolgenden Wochen prägte eine gewisse Regelmäßigkeit: Drei Tage lang wurden der Schutt beharkt, die Bruchziegel „ausgekämmt“ und zwischengelagert. Dann rückten für zwei Tage die Saugbagger an, um den Feinschutt nach oben zu befördern. Dann wieder das ewige Hochziehen der mit Ziegelschutt befüllten Eimer sowie das Auffüllen des Bauschuttcontainers. Nun allerdings konnte man wirklich zusehen, wie der Schuttberg in der Gewölbetonne 3 merklich kleiner wurde. Zeitgleich kamen weitere Arbeiten hinzu. Bei einer Sitzung der „AG Tunnelfluchten“ hatten wir uns dafür entschieden, auch die von einem Vorgänger eingezogenen Betonpodeste in den anderen Gewölbetonnen abzubrechen und insgesamt den originalen Boden wieder freizulegen. Diese Entscheidung sorgte erst einmal nicht wirklich für Begeisterung bei den Bauleuten, doch es sollte sich noch zeigen, dass dies eine richtige Entscheidung war.
    Am 15. Februar traf – schneller als gedacht – eine alte und acht Meter lange Brauerei-Wendeltreppe per Schwerlasttransport aus Wien ein. Unsere Unterweltenfreunde aus der „Stadt des Drittens Manns“ hatten diese bei ihren Erkundungen in einer im Abbruch befindlichen Brauerei in Wien-Schwechat entdeckt. Es war eine einmalige Gelegenheit, und die österreichische Abbruchfirma war so kooperativ, dass sie auch gleich den Transport organisierte. In vier Teile zerschnitten, wurde die Treppe abgeladen und dann in ihre Einzelteile zerlegt. Die gusseisernen Stufensegmente sind danach gesandstrahlt und verzinkt worden, denn mit dieser Wendeltreppe hatten wir etwas vor, wovon noch zu berichten sein wird.
    Am 23. März 2012 war es endlich geschafft. Symbolisch wurde der „Goldene Stein“ aus dem dritten Tonnengewölbe ans Tageslicht befördert. Insgesamt rund 700 Kubikmeter wurden hier abgesaugt oder in Eimern hochgezogen und abtransportiert. Danach ging es in den Gewölbetonnen 1 und 2 weiter. Die Folgewochen wurden nun genutzt, um die dort einbetonierten Podeste, die ihrerseits ebenfalls mit Schutt aufgefüllt waren, zu beseitigen. Zum Vorschein kamen schließlich wunderschöne Stufen und Bodenplatten aus Granit. Am Notausgang konnte zudem ein weiterer vermauerter kleinerer Raum geöffnet und beräumt werden. Ende Mai war dann, bis auf den ehemaligen Brauereibrunnen alles so, wie wir es in den Gewölben haben wollten.
    Da jahreszeitlich bedingt, nun gutes Wetter herrschte, konnte sogleich mit der Sanierung der Hofentwässerung begonnen und die Hoffläche großflächig weiter abgedichtet werden. Dies war dringend erforderlich, denn das Sickerwasser drückte – wie wir leider feststellen mussten – nach Regengüssen immer aufs Neue förmlich aus den Gewölbewänden. Das Mauerwerk hatte sich regelrecht vollgesogen wie ein Schwamm. Zudem mussten wir leider noch feststellen, dass irgendwelche „selbsternannten Spezialisten“ Jahre zuvor eine Hofabdichtung einschließlich Entwässerung eingebaut hatten, die genau das Gegenteil von dem erreichte, was eine Hofabdichtung eigentlich leisten soll. Wie eine Wanne war diese Abdichtung über der Gewölbetonne 2 unter der Hofpflasterung verlegt. Sämtliches auf dem Hof niedergehendes Regenwasser musste sich zwangsläufig darin sammeln und bei einer Undichtigkeit der Dichtung automatisch in die Gewölbe gelangen. Bei der Aufnahme der Pflasterung und Freilegung der Entwässerungsrohre durch die Fa. Wisniewski & Partner konnte eine Schadensstelle an den Entwässerungsleitungen entdeckt werden, bei der man wirklich nur noch von „Pfusch am Bau“ sprechen konnte. Zwei Rohrstücke waren einfach auseinandergegangen – und alles lief von dort aus in die Wände der Gewölbe.
    Endlich, am 15. Juni 2012, konnten wir das „Richtfest“ feiern. Zwar waren die geplanten Bauabschnitte noch nicht ganz fertig gestellt, aber ein Ende war abzusehen. Das Modell des „Köppen-Tunnels“, ein 1964 unter der Berliner Mauer gegrabener Stollen, wurde im Säulenkeller vom damaligen Mitinitiator und Vereinsmitglied Klaus Köppen im Originalmaßstab neu aufgebaut und die dort begonnenen Pflasterarbeiten mit geborgenen Ziegelsteinen als auch die Hofabdichtung standen kurz vor ihrem Abschluss. Bei Schaschlik und kühlem Bier konnten alle Beteiligten verdient auf die geleisteten Arbeiten anstoßen.

    Nachdem die umfangreichen Beräumungsarbeiten in den Gewölben abgeschlossen waren, konnten wir uns in der zweiten Jahreshälfte 2012 erstmals mit dem historischen Brauereibrunnen beschäftigen. Dieser war immer noch zu großen Teilen mit Schutt aufgefüllt, die obere Brunneneinfassung zudem erheblich geschädigt. Sie musste neu aufgemauert werden. Um den Brunnen weiter freilegen zu können, hat dieser eine sichere Abdeckung aus Stahlträgern und Gitterrosten erhalten, die zudem einen künftigen Blick in die Tiefe ermöglichen sollte. Des Weiteren ist hier eine Zugangstreppe aus Metall angefertigt worden, damit die Besucher diesen Raum bequem betreten können. Parallel dazu wurden die Elektroarbeiten fortgesetzt, fehlende Treppengeländer montiert und alle Gewölbedecken gründlich auf lose Putzstellen und Metallhaken überprüft. Im Säulenkeller konnten die „Füße“ der gusseisernen Säulen freigelegt und damit die dortigen Pflasterarbeiten zum Abschluss gebracht werden, an vielen Stellen wurden zudem Löcher und defekte Stellen im Ziegelmauerwerk geschlossen oder ausgebessert.
    Zeitgleich machten wir uns im Säulenkeller daran, einen weiteren Abschnitt des Gesamtprojektes in Angriff zu nehmen. Die Idee war es, im Sinne experimenteller Archäologie selbst einen „Fluchttunnel“ zu graben. Dabei orientierten wir uns an einem historischen Vorbild, dem „Tunnel 29“ aus dem Jahre 1962. Für die Schachtgrube wurde im Bodenbereich ein Ausschnitt frei von der Pflasterung freigelassen. Hier erfolgte – wieder unter Anleitung und Mitwirken des Zeitzeugen Klaus Köppen – am 28. August der erste Spatenstich. Allerdings war das Vorankommen sehr mühselig, denn der Lehmboden erwies sich als äußert hart und widerstandsfähig. Erst knapp zwei Monate später war der rund 3,80 Meter tiefe Einstieg zum Tunnel einschließlich drei Meter Stollenvortriebs soweit hergestellt, dass sich alles in einem den Besuchern der Tour M vorzeigbarem Zustand befand. Ein Vorteil gab es allerdings – der Mergel war so stabil, dass wir auf sämtliche Absteifungen im Einstiegsschacht verzichten konnten. Nur die obere Kante wurde mit Baubohlen stabilisiert und verstärkt.
    Während der Führungsbetrieb lief, wurden die Grabungsarbeiten als „Schaustelle“ fortgesetzt. Mit einer an Seilen befestigten Satte wurde der ausgehobene Lehmboden in Eimern zum Tunneleinstieg gezogen und dann mittels einer Seilwinde in den Säulenkeller befördert. Von dort aus musste der Abraum manuell in den Hof hochgetragen werden, wo sich das Lehmzwischenlager befand. Alle zwei Wochen konnte der Container auf der Straße befüllt werden, wo wir – war dieser voll – die Hofeinfahrt ebenfalls als Zwischenlager nutzten. Nach jedem Meter Vortrieb wurde der Tunnel solide mit Holz abgesteift, auch wenn aufgrund der Bodenstabilität überhaupt nicht zu befürchten war, dass etwas von der Decke fällt. Während uns die Zeitzeugen erzählten, dass sie an „guten Tagen“ bis zu zwei Meter Vortrieb schafften, lag unsere Tagesleistung mit vier Mann „nur“ bei maximal 80 cm. Auch eine andere Erfahrung konnten wir sammeln. Theoretisch hätten wir bei einer Tunnellänge von zehn Metern etwa neun Kubikmeter Abraum nach oben schaffen müssen. Es war aber fast doppelt so viel Abraum wie ursprünglich berechnet. Mit diesen Schwierigkeiten mussten auch die Fluchthelfer seinerzeit zurechtkommen: Lockert man den Mergel an der Bernauer Straße auf, geht dieser auseinander wie ein Hefekuchen. Deswegen gab es damals die Faustformel: „Je größer der Keller, umso länger konnte ein Fluchttunnel werden“. Der gesamte Aushub durfte aufgrund der Überwachungsmaßnahmen nicht auf der Straße in einen Container gefüllt werden, sondern musste heimlich in den zur Verfügung stehenden Kellerräumen eingelagert werden. Es sind sogar Tunnel daran gescheitert, dass keine ausreichenden Lagerkapazitäten vor Ort vorhanden waren.
    Zwischenzeitlich war es uns gelungen, nach mehreren Gesprächen mit unserem Vermieter nun auch ein ehemaliges Ladengeschäft im Souterrain der Brunnenstraße 141 anzumieten, welches uns bereits zu Jahresbeginn angeboten wurde. Unser Plan sah vor, hier eines Tages den Ausgang eines „Fluchttunnel-Museums“ zu schaffen, wofür wir uns bereits die Brauereiwendeltreppe aus Wien besorgten. Ab November konnten hier ebenfalls die ersten Instandsetzungsarbeiten eingeleitet werden.
    Anfang Dezember erreichten wir schließlich unterirdisch die Außenwand eines weiteren Tonnengewölbes. Beim Durchbrechen dieser Ziegelmauer mussten wir jedoch feststellen, dass dahinter ebenfalls fast alles mit Schutt aufgefüllt war. Zudem kamen wir dort mit fast acht Meter Sohlentiefe immer noch zu hoch an. Die Hohlräume, die es dort noch gab, lagen zwei Meter tiefer und damit nicht mehr erreichbar. Am 13. Dezember endlich war es dann soweit – als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk konnte unser zweites Tunnelmodell im Originalmaßstab mit 12 Metern Gesamtlänge offiziell übergeben werden.

    Weitere Bilder 2012

    Instandsetzung 2013

    In der ersten Jahreshälfte 2013 lag der Schwerpunkt in der Instandsetzung des Souterrains in der Brunnenstraße 141. Dringend mussten vor allem die teilweise einsturzgefährdeten Gewölbebögen im Flur und in den Durchgängen wieder hergestellt, dann an mehreren Stellen das Mauerwerk ausgebessert werden. Die Arbeiten erledigte in bewährter Weise die Fa. Wisniewski & Partner, unterstützt von Klaus Köppen. Da die Wintermonate dieses Mal sehr kalt waren, waren alle froh, dass die Heizung schon funktionierte. Das fehlende Fenstergitter an der Straßenfront wurde, verziert mit dem Oswald-Berliner-Wappen, Anfang Februar durch die Fa. „Thorsten Köpp Metallbau“ geliefert und montiert, und Anfang März waren die fehlenden Fußbodenfliesen nach historischem Vorbild ergänzt bzw. neu verlegt. Im anliegenden Kriechkeller galt es zudem, alte Abwasserrohre zu beseitigen und fachgerecht zu verschließen, denn von hier kamen ungebetene Besucher: Ratten, die ihren Weg aus der Kanalisation hierher fanden und wohl ein warmes Plätzchen suchten. Danach konnte nachträglich gestellte Wand aus Kalksandstein, die optisch eher eine Zumutung war, beseitigt und der Durchstieg in den Kriechkeller vermauert werden. Parallel zu diesen Arbeiten erfolgte die Fertigstellung des WCs und der Teeküche.
    Dann der nächste Bauabschnitt: Im einstigen Verkaufsraum war eine Brandschutzdecke eingezogen worden, die von ihrem Aufbau her weder wirklich brandsicher war, noch sah sie statisch vertrauenserweckend aus. Sie hing in ihrer Mitte sogar mehrere Zentimeter durch! Das bedeute also: Decke runter und neue Decke rein. Dabei konnten die historischen Holzbalken freigelegt und mit einem speziellen Brandschutzanstrich versehen werden, welcher sie trotzdem zur Geltung kommen ließ. Bei Ausführung dieser Arbeiten mussten wir allerdings erkennen, dass auch ein Unterzug, bestehend aus zwei Stahlträgern, statisch mehr als bedenklich aussah. Das Gewicht der darüber liegenden Wände drückte die Träger bereits merkliche Millimeter auseinander. Unser Statiker riet uns zu einer Klammerung. Die Stahlträger wurden also an fünf Stellen durchbohrt und mit Zugbolzen aus dicken Gewindestangen wieder in stabile Lage gebracht. Zudem konnten an diesen Stangen die Heizungsrohre angebracht werden. Sie mussten im Rahmen dieser Sicherungsmaßnahmen ebenfalls neu verlegt werden.
    Weitere wichtige Arbeiten standen Mitte April bevor, nachdem sich die Wetterlage besserte und es draußen wieder wärmer wurde. Wir mussten leider feststellen, dass die neuverlegte Hofabdichtung trotz aller bisher ergriffenen Maßnahmen nicht zu dem Resultat führte, welches wir eigentlich beabsichtigten. Noch immer flossen aus der Wand zwischen Gewölbetonne 1 und 2 an mehreren Stellen regelrechte Rinnsale heraus, die ständig Wasser führten. Das Sickerwasser wollten einfach nicht weniger werden. Daher wurde die Gartenfläche über der Gewölbetonne 1 komplett aufgenommen und abgedichtet. Die vorhandene Abdichtung war tatsächlich an mehreren Stellen schadhaft. Aber das war noch nicht alles. Nach Kontrolle der Fall- und Abwasserrohre durch eine Endoskop-Kamera auf dem Nachbargrundstück Brunnenstraße 144 (2. Hof) konnte eine weitere Ursache der Wasserquellen gefunden werden: Eine Silvesterrakete muss – schon Jahre zuvor – von oben in das eine Fallrohr hineingeflogen sein und hatte den im Erdreich befindlichen Rohrbogen regelrecht auseinandergesprengt. Auf eine solche Schadensursache muss man erst einmal kommen! Erst nach Abdichten der Gartenfläche und Instandsetzung des Rohrbogens konnte man beobachten, wie es in den Gewölben endlich merklich trockener wurde.
    Die Vorhaben im ersten Halbjahr 2013 konnten schließlich wieder mit einer wichtigen Baumaßnahme zum Abschluss gebracht werden. Für den geplanten Besuchertunnel wurde eine bereits vorhandene Wandnische in der Gewölbetonne 3 durchbrochen und nach unten verlängert. Im Anschluss führten wir eine Erkundungsgrabung durch und arbeiteten uns über einen Meter in den dahinter stehenden stabilen Mergel hinein. Diese Bauvorleistung wurde zur Sicherheit noch mit Balken abgestützt. Dann sind die Bauarbeiten in der Brunnenstraße 143 erst einmal unterbrochen und eingestellt worden. Ein besonderer Anlass stand bevor: Am 24. Mai 2013 kam hier das Theaterstück Im Tunnel von Kai-Uwe Kohlschmidt zur Welturaufführung. Bis zum 23. Juni wurden unsere Gewölbe nun erstmals intensiv als unsere neue kulturelle Veranstaltungsstätte, das Theater in den Unterwelten genutzt.

    Im Juni und Juli 2013 fanden auf dem benachbarten Grundstück zur Strelitzer Straße, einst ebenfalls zum Areal der Oswald Berliner-Brauerei gehörend, umfangreiche Grabungsarbeiten für die Vorbereitung eines Neubaus statt, bei dem die Reste weiterer historische Brauereigewölbe freigelegt wurden, die sogar in zwei Ebenen übereinander lagen. Mehrere Hohlräume wurden dabei zutage gefördert, und Spuren der einstigen Schutzräume kamen ans Tageslicht. Jedoch konnten wir kein intaktes Gewölbe mehr entdecken, so dass nun leider klar wurde, dass unsere drei freigeräumten Gewölbe wohl die letzten begehbaren unterirdischen Überbleibsel sein dürften.

    Nachdem die Theaterkulissen abgebaut waren, ging es mit den Arbeiten am Brunnen weiter. Im Brunnenschacht lag immer noch genügend Schutt, der beseitigt werden musste. Nachdem wir den Grundwasserspiegel – rund 14 Meter unter Geländeoberkante – erreicht hatten, wurde das Archäologiebüro Torsten Dressler hinzugezogen, da wir vermuteten, nun in die interessanteren Schichten hineinzustoßen (s. hierzu den Abschnitt „Brunnenarchäologie“). Der Abraum, der wiederum mit Eimern bei parallel laufendem Pumpenbetrieb mühevoll nach oben befördert werden musste, wurde nun rund um die Uhr von den Archäologen in Augenschein genommen. Interessantestes Fundstück war in jedem Fall eine Art Schlussstein aus dem Jahre 1863, in dem auch der Brunnen erbaut worden sein dürfte. Bei rund 3,50 Metern unter dem Grundwasserspiegel mussten wir die Arbeiten jedoch abbrechen, denn von unten drückte das Grundwasser nun Feinsand in den Brunnen. Die Gefahr, dass die Brunnenfundamente unterspült werden, war einfach zu groß. Die Pumpen wurden daher abgeschaltet. Um einströmendes Grundwasser zu filtern, wurde in der Folge der Brunnen wieder mit einem Meter Feinkies und darauf ein Meter Grobkies aufgefüllt. Ein kleiner Traum erfüllte sich leider nicht. Unser Brunnen hat keine Trinkwasserqualität. Wenige Tage nach Abschluss der Brunnenarbeiten kamen Labormitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe und auch des Instituts Fresenius vorbei und nahmen Wasserproben. Beide Befunde sagen, dass unser Brunnenwasser einen zu Eisen- und Mangangehalt aufweist. Bei Erwärmung des Wassers auf bestimmte Teststufen stieg zudem der Bakteriengehalt zu hoch an. Das war es dann leider mit der Idee, das Wasser wieder zum Bierbrauen zu verwenden – es sei denn, man baut teure Filterapparaturen ein. Jedoch hat die Brunnenstraße nun wieder einen funktionsfähigen Brunnen!

    Im September wurden in Vorbereitung für den geplanten Besuchertunnel vom Statiker zur Standsicherheit weitere Bodenuntersuchungen durch das Ingenieurbüro Reinfeld & Schön durchgeführt. Insgesamt sieben Bohrungen wurden angesetzt mit dem Ergebnis, dass der Baugrund für das Projekt eine ausreichende Stabilität aufweist. Allerdings kam es in den Gewölben nach starken Regenfällen immer noch Wassereinbrüche. Es war einfach unbegreiflich. Daher wurde beschlossen, die Abdichtungsmaßnahmen zu erweitern. In diesem Zusammenhang erfolgte die Abdichtung weiterer Blumenbeete, der Fahrradständer im Hof wurde gedreht, und auch der Müllplatz im Hof aufgenommen und abgedichtet. Dabei mussten wir feststellen, dass die alte unsachgemäße Hofabdichtung bis weit unter die Gartenfläche ausgeführt wurde. Das bedeutete wiederum viel Gartenarbeit: Hecke aufnehmen, alte Dichtungsbahnen aufschneiden und umklappen, armierten Unterbeton einbauen und neuen Dichtungsbahnen verlegen. Dann musste der alte Gartenzustand wieder hergestellt werden. In diesem Zusammenhang wurde auch der wiederentdeckte Lüftungszug in Gewölbetonne 2 nach oben geführt und erhielt eine Art Kamin aus Ziegelmauerwerk. Diese Arbeiten kamen kurz vor Weihnachten am 23. Dezember zu ihrem Abschluss. Nun bleibt abzuwarten, dass die noch im Mauerwerk und über den Gewölben sitzende Feuchtigkeit langsam „abtropft“, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Insgesamt kann jedoch festgestellt werden: Aus einer feuchten Höhle im Jahre 2011 sind innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren „fast trockene“ und architektonisch bemerkenswerte nutzbare Räume geworden, durch die im Jahre 2013 genau 33.147 Besucher im Rahmen der Tour M geführt wurden.

    Brunnenarchäologie 2013

    Text von Torsten Dressler M.A. (Geschäftsinhaber/ Archäologe) – Archäologiebüro ABD-Dressler

    Anlass und Ziel
    In den vom Verein Berliner Unterwelten genutzten Kellerräumen in Berlin-Mitte, Brunnenstraße Nr. 143 wurde im Sommer 2013 ein etwa 13 m tiefer Brunnenschacht (Abb. 1) der ehemaligen Oswald Berliner-Brauerei in mühsamer Handarbeit wieder bis zum Grundwasserspiegel durch Mitarbeiter des Vereins als Ausstellungsobjekt freigelegt (Abb. 2-3). Der hierbei anfallende Aushub wurde durch Mitarbeiter des Archäologiebüros ABD-Dressler unter Leitung von Torsten Dressler M.A. archäologisch auf Fundmaterial untersucht. Ein tachymetrisches Aufmass des Brunnenschachtes und der umliegenden Kellerräume diente ferner zur Erstellung einer dreidimensionalen Gitteransicht.
    Die archäologische Untersuchung unter Fachaufsicht des Landesdenkmalamtes Berlin (Dokumentations-Nr.: LDA 2107) sollte einerseits eine Datierung der Bauzeit und der endgültigen Verfüllung des Brunnens, andererseits Hinweise auf Hinterlassenschaften der Brauereinutzung liefern. Aufgrund der besonderen Grenzsituation ab 1961 an der Ecke Bernauer Straße/ Brunnenstraße richtete sich zudem noch ein besonderes Augenmerk auf eventuelle Relikte des DDR-Grenzregimes innerhalb der Brunnenverfüllung.

    Geologie
    Die geologische Situation in der Brunnenstraße ist für den Bau einer Brauerei mit Tiefbrunnen günstig: Im Gegensatz zu dem häufig feuchten und weniger tragfähigem Talsand des Berliner Urstromtals liegt hier ein Geschiebelehm vor; das Gelände ist ein Teil der glazialen Höhenränder. Mit ausreichend trockenen und tragfähigen Grund für Lagerkeller und der Zugang zu sauberem Grundwasser lagen somit ideale Bedingungen vor. Der Hauptgrundwasserleiter liegt im untersuchten Bereich derzeit bei 32-33 m ü. NHN und damit ca. 14-15 m unter dem heutigen Oberflächenniveau von 46,50 m ü. NHN.

    Historie

    Die Bebauung des Wohnblocks Brunnenstraße, Rheinsberger Straße, Strelitzer Straße, und Bernauer Straße erfolgte nach den Planungen von James Hobrecht um 1862. Die Brunnenstraße war im südlichen Teil bereits 1752 angelegt worden und führte zur 1701 entdeckten eisenhaltigen Quelle, dem so genannten Friedrichsgesund- bzw. Luisenbrunnen. Die anfängliche Bebauung des Blocks lag deshalb auch an der Brunnenstraße. (s. Abb. 4).
    Bereits Mitte bzw. Ende der 1850er Jahre wurde auf der Parzelle Brunnenstraße Nr. 112/114 (1893 in Nr. 141/143 geändert) eine Brauerei durch den Bayrischbier-Brauer Langenstrauß betrieben. Der Betrieb wechselte in den 1860er Jahren mehrfach den Besitzer. Der an die Brauerei angeschlossene Ausschank firmierte im Volksmund unter der Bezeichnung „Giftbude“.
    Ab 1869/1870 begann der jüdische Brauunternehmer Oswald Berliner erfolgreich Weizenbier zu brauen. In den folgenden Jahren vergrößerte er mehrfach seinen Betrieb, so dass 1899 ein Großteil des Blocks zur Brauerei gehörte. Für die Gärung und Lagerung der von Oswald Berliner produzierten Weizen- und Bayrisch-Bieren benötigte geräumige Keller wurden angelegt.
    Im Zuge der enormen Umsatzeinbußen während des I. Weltkrieges musste die Brauerei 1916 bzw. 1918 an die Engelhardt-Gruppe verkauft werden. Diese schloss die Brauerei und betrieb bis 1936 nur die Mälzerei weiter. Die Gewölbekeller wurden teilweise während des II. Weltkrieges zu Luftschutzräumen umgebaut und 1946 durch die Sowjets gesprengt.
    Nach dem Mauerbau 1961 lag das Grundstück Brunnenstraße Nr. 141/143 in unmittelbarer Grenznähe und gehörte deswegen zum innerstädtischen Sperrgebiet Berliner Mauer.
    Etwas südlich davon in der Brunnenstraße Nr. 154 wurde bereits 1995 während Bauarbeiten ein ähnlicher, aus Ziegeln gemauerter Brunnenschacht angetroffen. Er besaß ein Pumpenrohr aus Baumstämmen mit Eisenmanschetten, welches geborgen und im Museum im Wasserwerk Köpenick deponiert wurde. Der Brunnen wurde auf ca. 1830 datiert.

    Baubefunde – Kellerräume und Brunnen

    Das Gebäude in der Brunnenstraße Nr. 143 ist mit mehreren Räumen unterkellert, wobei die größten und tiefsten Keller sich im Bereich des Hinterhauses bzw. Hofes befinden. Drei Tonnengewölbe nehmen den Großteil dieser hinteren Keller ein (Abb. 5). Zwei Tonnen liegen parallel, mit der Schmalseite in Richtung Straßenfront nebeneinander. Eine der Tonnen weist allerdings ein niedrigeres Fußbodenniveau als die andere auf. Die dritte Tonne liegt senkrecht zu den anderen und ist mit diesen verbunden. Im Nordteil der Westwand besitzt diese Tonne einen zugemauerten Durchgang: hier schlossen sich mittlerweile verfüllte oder zerstörte weitere Keller an. Ein Flächennivellement des Fußbodens in den Tonnen erbrachte das Ergebnis, dass ein Entwässerungssystem zur dritten Tonne und dort zum zugemauerten Durchgang führt. Die Tonnen sind aus Reichsformatziegel gemauert und teilweise verputzt. Der Fußboden besteht aus Natursteinplatten und Ziegeln. In den Tonnen befinden sich Ziegelsockel, welche zur Ablage/Sicherung von Fässern etc. der Brauerei dienten.
    Der untersuchte Brunnen liegt in einem westlich der Tonnen gelegenen Kellerraum. Dieser Brunnenraum hat einen quadratischen Grundriss von 2,90 x 2,90 m und liegt ca. 0,70 m höher als der Fußboden der Tonnen. Er ist von diesen über eine kurze Treppe und einen Durchgang zu erreichen. Der Brunnen selbst liegt mittig im Raum und hat keinen Aufbau. Er setzt auf einer Höhe von 4,45 m unter dem Gehwegniveau vor der Brunnenstraße Nr. 143 an und besitzt eine Tiefe von mindestens 13 m. Er hat einen Innendurchmesser von 2,05 m und ist aus Reichsformatziegeln im Binderverband gemauert. Der Brunnen besitzt eine eiserne Pumpenanlage, von der ein Pumpenrohr noch tiefer in den Untergrund führt. Der Brunnenkranz wurde in einem Zug gemauert und weist keine Baufugen oder Spuren von Ausbesserungen oder Veränderungen auf. Die Sohle des Brunnenschachtes war mit einer Mischung aus Bauschutt und lehmigem Sand verfüllt.

    Höhentabelle
    Standort relative Höhe absolute Höhe (NHN)
    Gehweg vor dem Eingang Brunnenstraße Nr. 143
    (Geländeoberkante) 0,00 m ca. 46,50 m
    Brunnenkranz - 4,45 m ca. 42,00 m
    Hauptgrundwasserleiter ca. 32,50 m
    Brunnensohle (mindestens) - 17,35 m ca. 29,00 m
    max. Höhenunterschied 17,50 m

    Fundmaterial
    Das geborgene Fundmaterial besteht größtenteils aus Eisenobjekten, die aber durch die starke Korrosion in Folge der Wassereinwirkung schwer identifizierbar sind. Daneben wurden einige wenige Buntmetallobjekte sowie Glas, Keramik und Stein geborgen (Abb. 6).
    Die Eisenobjekte umfassen neben Beschlägen, Teilen von Türen oder Fenstern, Nägeln und Schrauben, Ofenklappen, Werkzeugen und einer geschmiedeten Spitze zudem Blechfragmente, Drähte oder Stäbe. Zwei Objekte lassen sich eindeutig der Oswald Berliner-Brauerei zuordnen: ein großer Trichter (Abb. 7) sowie ein Teil eines Fassreifens.
    Zum Kontext Brauereibetrieb ist zudem ein beträchtlicher Teil der Glasfunde zuzuordnen: mehrere Glasscherben von Flaschen, Schalen und Gläsern, kleine Arznei-Fläschchen, Bierflaschen mit Resten des eisernen Bügelverschlusses sowie der Rest eines gläsernen Bierhumpens. Ein Bügelverschluss mit dem Bild eines Leuchtturms der Marke „Brandung“ lässt sich typologisch einer Wasserflasche aus Ostpreußen zuweisen (Abb. 8).
    Als besonderer Fund ist ein leicht trapezoider Kalksandstein-Quader mit einer Inschrift „1863“ und dem Buchstaben „K“ zu nennen (Abb. 9). Die Zeichen sind nicht besonders qualitativ ausgeführt, weshalb es sich hierbei nicht um eine bewusste Schmuckinschrift, sondern eher um technische Angaben wie etwa ein Steinmetzzeichen handelt. Die Form spräche sehr wahrscheinlich für den Schlussstein eines kleinen gemauerten Kellerbogens. Bemerkenswert ist zum einen die Jahreszahl, welche ein Entstehungs- oder Baujahr direkt nach dem Hobrecht-Plan (um 1862) aufzeigt, zum anderen das Material des Steins: Kalksandsteine wurden erst seit 1855 produziert; durch ihre hohe Belastbarkeit und Brandsicherheit waren sie damals ein besonders innovatives Baumaterial.

    Zusammenfassung und Ausblick

    Der untersuchte Brunnen ist in die Zeit der Entstehung und des Ausbaus der Oswald Berliner-Brauerei um 1870 zu datieren und wurde zeitgleich mit den Kellertonnengewölben angelegt. Ob für den Bau des Brunnens ein älterer bereits bestehender Brunnenschacht der Vorgängerbrauereien genutzt wurde, kann hiermit nicht belegt werden.
    Auffällig ist die Tiefe des Brunnens: Die Brunnensohle liegt bei etwa 29 m ü. NHN und damit eigentlich über 3 m tiefer als der Hauptgrundwasserleiter (das Pumpenrohr reicht sogar noch tiefer). Mögliche Erklärungen wären, dass der Grundwasserspiegel Ende des 19. Jahrhunderts deutlich tiefer lag oder der Hauptgrundwasserleiter in diesem Bereich starken Schwankungen unterliegt.
    Das geborgene Fundmaterial datiert in die Zeit des späten 19. bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Offensichtlich wurde der Brunnenschacht demnach erst nach dem II. Weltkrieg verfüllt. Das Material umfasst ein umfangreiches Spektrum, von dem jedoch nur ein kleiner Teil unmittelbar der Brauereinutzung zugeordnet werden kann.
    Aus dem geborgenen Fundmaterial ergaben sich auch keine Hinweise auf die Berliner Mauer und die Grenzanlagen, wie etwa die an anderen durch den Autor untersuchten Bereichen in der Bernauer Straße entdeckten Überreste von Stacheldraht, Meldekabeln, Munitions- oder Uniformteile etc. Der größte Teil der Funde stammt wohl aus dem Schutt, welcher von der Zerstörung bzw. dem Abriss der Gebäude des Blocks im/nach dem II. Weltkrieg herrührte.
    Sämtliche Funde wurden nach Grabungsende dem Landesdenkmalamt Berlin (LDA) übergeben. Nach deren Katalogisierung werden diese in die Magazine des Museums für Vor- und Frühgeschichte (MVF) im Schloss Charlottenburg zur Inventarisierung und Restaurierung überführt. Mittels Dauerleihvertrag zwischen dem MVF und dem Verein Berliner Unterwelten können die Funde zu Ausstellungszwecken anschließend wieder an ihren Ursprungsort in der Brunnenstraße Nr. 143 zurückgeführt werden.

    Quellen:
    H. Gidom, Berlin und seine Brauereien. Gesamtverzeichnis der Braustandorte von 1800 bis 1925. Band 1, Berlin 2012, 13ff. (Edition Berliner Unterwelten).
    Vgl. Grundwassergleichenkarte von Berlin 2011
    Vgl. Karte von Berlin 1:5000
    M. Albrecht, Der Gewerbekomplex Rheinsberger Straße 76/77 – Bernauer Straße 19 in Berlin-Mitte. Zu seiner Entstehung und seiner Funktion (Aktenrecherche für Berliner Unterwelten e.V., 5.12.2011), 3.
    Gidom 2012, 21.
    Ebd., 21f.; Albrecht 2011, 4ff.
    Albrecht 2011, 12ff.; Gidom 2012, 23.
    Vgl. Fundmitteilung zur Fundstelle Nr.1741 vom 15.03.1995 im Archiv des LDA Berlin.
    Als einziger Hinweis auf diesen Verschluss fand sich folgende Auktion: Ebay (Zugriff am 19.8.13).

    Instandsetzung 2014

    In den ersten beiden Monaten des Jahres wurde der einstige Schankraum der „Giftbude“ (Brunnenstraße 143) weiter instandgesetzt. Hier mussten diverse defekte und stark geschädigte Mauersteine entfernt und die Fugen des Mauerwerksverbundes wieder hergestellt werden. Eine etwas staubige aber dringend notwendige Arbeit. Dabei kamen zwei alte nie genutzte Kaminzüge zum Vorschein, die nun als Wandnischen den Charakter des Raumes noch besser betonen. Auch die Elektrik wurde durch unseren Hauselektriker Jan Benndorf weiter perfektioniert; vor allem in der Gewölbetonne 2 konnte die geplante Raumbeleuchtung fertiggestellt werden, womit auch die Lichtchoreographie der Tour M in ihren vorgesehenen Endzustand versetzt wurde.
    Wichtige Erkenntnisse über die Lage des originalen Fluchttunnels aus den Jahren 1970/71 konnten ebenfalls erlangt werden. Der zwischen der Brunnenstraße 137 und 142 angelegte Stollen wurde durch DDR-Grenztruppen kurz vor seiner Fertigstellung entdeckt und im Todesstreifen aufgebrochen. Die Tiefenlage des Tunnels wurde seinerzeit mit 9 m unter Geländeoberkante, der Querschnitt mit 0,9 x 1,0 m ermittelt. Zum Verlauf des Tunnels existieren verschiedene Zeichnungen sowie die durch Metallplatten ausgeführte Markierung auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Zur genauen Lageermittlung zum Verlauf des Fluchttunnels wurden durch das Büro für Geophysik Lorenz auf dem Grundstück/Hinterhof der Brunnenstraße 141 geophysikalische Messungen durchgeführt. Dabei wurde festgestellt: „Unter elektromagnetischen und geoelektrischen Messprofilen waren im Bereich der rekonstruierten Achse des Tunnels Brunnenstr. 137 / Brunnenstr. 142 noch deutlich Widerstandsanomalien im geologischen Untergrund nachweisbar, die nach unseren Messerfahrungen im Bereich Bernauer Straße auf Tunnelstücke bzw. Tunnelreste in einer Tiefenlage von ca. 5-7 m im Hof hindeuten. Über deren genauen Erhaltungszustand kann aus diesen Messungen aber nicht geschlossen werden“.
    Wir können aufgrund dieser Ergebnisse nun davon ausgehen, beim Bau des geplanten Besuchertunnels in einer Tiefe von 5-7 Metern mit großer Wahrscheinlichkeit auf Fragmente des originalen Fluchttunnels zu treffen.
    Um den Genehmigungsbehörden als auch unserem Führungspersonal zu veranschaulichen, welche Größe der Besuchertunnel erhalten soll, wurden im Juni 2014 zudem noch zwei Tunnelprofile in Originalgröße angerfertigt. Das größere Modell hat eine Breite von 1,10 Meter und eine Höhe von 2,15 Meter, das kleinere Modell liegt bei 1,00 Meter und 2,05 Meter. Der kleinere Querschnitt konnte als ausreichend betrachtet werden, da der Besuchertunnel in Kurvenform (s. Plan bei Instandsetzung 2013/I) angelegt wird und somit im Notfall problemlos mit einer Trage begangen werden kann.

    Aufgrund der Betriebsübernahme des „Museums im Alten Wasserwerk“ in Friedrichshagen mussten wir die Sommermonate nutzen, um dort die nötigsten Instandsetzungsmaßnahmen durchzuführen.
    Daher mussten die weiteren Arbeiten in der Brunnenstraße eine Weile ruhen. Erst am 13. Oktober ging es weiter. An diesem Tag wurden uns sieben Palletten mit historischen Gehwegplatten von einem Händler für historische Baustoffe geliefert geliefert. Das Abladen gestaltete sich schwierig, da der Gabelstapler nicht durch die schmale Hofeinfahrt passte. So mussten alle Palletten mit einem Hubwagen manuell auf den Hof gefahren werden. Ziel der geplanten Arbeiten war es, den Hof endgültig fertigzustellen. Der Eigentümer erklärte sich bereit, die Kosten für die Granitplatten zu übernehmen, so dass dann mit dem Verlegen des „neuen Hofbelages“ begonnen werden konnte. Hierfür mussten alte Asphalt- und Betonschichten abgebrochen und beseitigt sowie Pflasterbereiche aus kleineren Feldsteinen aufgenommen werden. Gleichzeitig erhielt die Begrenzungsmauer im Garten eine Blechabdeckung, um hier weitere Frostschäden und das Eindringen von Sickerwasser in die Gewölbe endgültig zu unterbinden.
    Um die Granitplatten, die von der Fa. Wisniewski & Partner verlegt wurden, überhaupt sortieren und bewegen zu können, war es zudem nötig, einen Kleinbagger zum Einsatz zu bringen. Nur mit einem Spezialaufsatz, einer Art Vakuumpumpe, war es dann überhaupt möglich, die bis zu 1,1 Tonnen schweren Platten anzuheben und auszurichten. Auch der letzte völlig marode Regenwasserabfluss der Hofentwässerung konnte dabei erneuert werden.
    Gleichzeitig wurde der Notausgang zum Hofgarten eingehaust und mit einer Feuerschutztür versehen. So ist es Gruppenführungen möglich, problemlos über einen dritten Weg direkt in den Säulenkeller zu den Fluchttunnel-Modellen zu gelangen.
    Die Arbeiten fanden am 12. November 2014 ihren Abschluss.