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    Luftschutz-Musterstollenanlage Friesenstraße

    „Entscheiden Sie sich für das System Dr. Schoßberger, für Stahlspundbohlen, Pokaleisenrahmen, oder doch lieber für Humerohr?! Es lohnt sich, garantiert! Besuchen Sie deshalb, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, unsere Musteranlage für Luftschutzstollen in der Reichsanstalt für Luftschutz. Eingang: Friesenstraße Nr. 16 in Berlin-Kreuzberg. Dort finden Sie garantiert Antworten auf Ihre zweifelsohne zahlreich vorhandenen Fragen!“ So jedenfalls lautete ein Werbespruch in einer zeitgenössischen Zeitschrift der NS-Zeit.

    Parallel zur staatlichen Organisation und Forschung versuchte auch die Industrie bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, mit speziellen Produkten auf den sich entwickelnden Luftschutz-Markt vorzustoßen. 1938 wurde die Warenmesse „Luftschutz durch Stahl“ in Leipzig eröffnet und in vielen Städten Deutschlands gezeigt. Namhafte Firmen aus dem Stahlbau und dem Bauwesen zeigten hier verschiedene Bauweisen für Luftschutzstollen, den Ausbau von Kellerräumen oder Produkte für die Ausstattung von Luftschutzräumen, um den Verkauf anzukurbeln. 1937 war eine Verfügung zu stahlarmem Bauen erlassen worden, um Stahl für die bereits angelaufene Kriegsproduktion aus dem Bauwesen abziehen zu können. Das forderte den Ingenieursgeist der Firmen in der Weiterentwicklung ihrer Produkte. Erst einige Jahre später untersagte eine Weisung den Einsatz von reinen Stahlbauten. Auf dem Gelände der Reichsluftschutzanstalt wurde zu Informationszwecken ein Musterstollen in verschiedenen Bauweisen errichtet. Hier hatten Baubehörden verschiedener Städte und Fachleute aus Verwaltungen die Möglichkeit, sich am gebauten Beispiel über Varianten des Stollenbaues zu informieren. Außerdem demonstrierte dieser Musterstollen die Vorzüge der verschiedenen Bauweisen hinsichtlich Montagefreundlichkeit, Platzangebot und Materialaufwand.

    Mitglieder des Berliner Unterwelten e.V. entdeckten im Jahr 2000 diesen Stollen, der nach dem Krieg erst als Schießstand der Polizei genutzt wurde, später als Lager und Abstellraum diente und dann nach und nach in Vergessenheit geriet.

    Geschichte

    Lange vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten waren auf dem Gelände der heutigen Polizei Direktion 5 in Berlin-Kreuzberg das Königin-Augusta-Garde- Grenadier-Regiment Nr. 4 und das Garde- Kürassier-Regiment untergebracht. Sämtliche mit Ziegelstein gebauten Häuser auf dem Gelände entstanden in der Zeit von 1894 bis 1897 nach Plänen einer Baumeistervereinigung der Herren Ferdinand Schönhals, Vetter, von Lilienstern, Müssigbrodt, Oskar Appelius und Carl Schäfer.
    Ab 1920 wurde das Gelände von den verschiedensten Polizei-Dienststellen genutzt. 1936 zog die neuaufgestellte Reichsanstalt für Luftschutz in das Haus Nr. 4 und hatte Ende der Dreißiger Jahre zusammen mit der Reichsluftschutzschule und der Luftpolizeischule auch die Häuser 1 und 2 belegt. Die Musteranlage für Luftschutzstollen wurde auf Weisung der Reichsanstalt der Luftwaffe für Luftschutz zwischen 1936 und 1938 von acht teilweise heute noch existierenden Firmen erbaut.
    Ein von 1942 bis 1943 erbauter fünfgeschossiger Hochbunker gehörte ebenfalls zu der Musteranlage. In ihm wurden die in die Bunker einzubauenden Gasschleusen getestet, sowie Überdruckprüfungen durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1948) wurde er auf Befehl der Alliierten gesprengt und abgeräumt. Während des Baus der Stollenanlage – ca. 1936–37 – wurde per Gesetz der Stahl rationiert. Es bildeten sich Kommissionen zur Stahlkontingentierung. Daher wurden einige der später errichteten Stollen mit weitaus weniger oder manchmal sogar ganz ohne Stahl gebaut. Die älteren Teile bestehen jedoch noch komplett aus verschraubten Stahlelementen.
    Die Anlage diente vornehmlich der Anschauung, um Vertretern von Kommunen, Behörden und Firmen, sowie einer interessierten Öffentlichkeit die Vorteile dieser Bauweise zu verdeutlichen. Die verschiedenen Arten von Stollen waren überwiegend für den Betriebs- und Werksluftschutz von Bedeutung. Lange Röhren passten besser zwischen zwei Werkhallen als ein viereckiger Typenbunker. Den Vorzug vor allen vorgestellten Bauweisen gab man zumindest im öffentlichen Bunkerbau der stahlsparenden Bauart Humerohr aus spiralbewehrtem Schleuderbeton. Nicht zuletzt deswegen, weil die Firma Humerohr GmbH Kirchhain beim Bau von Abwasserkanälen schon einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad erlangt hatte. Außerdem befürchtete man, daß Stahlröhren in der Erde bestenfalls ein paar Jahre Stand halten würden. Aus heutiger Sicht kann man feststellen, daß diese Stahlröhren sicher noch einige weitere Jahrzehnte halten werden. Auch die Standorte der beiden Lüfter lassen sich noch lokalisieren. Leider wurde bei Umbaumaßnahmen des Platzes, unter dem sich die Anlage befindet, eine der Eingangstreppen zugeschüttet. Von ihr ist nur noch ein kleiner Vorraum mit einem Fußabtreter im Beton erhalten. Ein zweiter Notausgang im Humerohr-Abschnitt wurde ebenfalls zubetoniert. Innen kann man noch gut erkennen, wo er sich einst befunden hatte. Ab Ende 1944 bis zum Kriegsende befand sich auf dem Gelände auch ein Entgiftungspark, in dem Übungen zur Durchführbarkeit von Entgiftungen ganzer Kompanien nach einem Angriff mit chemischen Kampfstoffen abgehalten wurden.
    Da das gesamte Gelände auch nach Kriegsende weiter durch die Polizei genutzt wurde, geriet die Musteranlage in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit. Obwohl kurzfristig amerikanische Truppenteile in den Häusern untergebracht waren, war die Anlage auf diese Weise der Zerstörung durch die Alliierten entzogen. In der Musteranlage wurde in den Fünfziger Jahren durch die Polizei ein Schießstand eingerichtet. Dafür wurden im Mittelteil der Anlage die drei Stahltüren samt Rahmen ausgebaut und die Maueröffnungen verbreitert. Die ehemalige Türbreite läßt sich noch erkennen. Tausende Geschosseinschläge im Stahl zeugen noch heute von dieser Nutzung.
    Nach dem Bau der neuen unterirdischen Raumschießanlage vor der Kantine in den Jahren 1968/1969 hatte die Musteranlage als Schießstand ausgedient. Sie wurde danach nur noch als Gerümpellager genutzt und nur noch sehr selten betreten. Der ältere Teil wurde zudem zeitweise zu einem Brennstofflager umfunktioniert. Durch eine Verstopfung des Abflusses im älteren westlichen Teil lief dieser mit der Zeit bis zur Hälfte mit Regenwasser voll und konnte nicht weiter benutzt werden. Als die Anlage im Frühjahr des Jahres 2000 wiederentdeckt wurde, war sie wieder fast gänzlich trocken und begehbar.
    Anzumerken ist, daß diese Stollenanlage nicht dem Schutz der Mitarbeiter der Reichsluftschutzanstalt diente. Für sie wurde auf diesem Gelände 1941 ein viergeschossiger Hochbunker nach einem Entwurf des Architekten Professor Siedler errichtet. Das Material für den nach dem Krieg abgebrochenen Hochbunker kam aus dem Kontingent eines baugleichen Hochbunkers auf dem Gelände der Luftschutzschule Heckeshorn (heutige Lungenklinik Heckeshorn). Von der ehemaligen Reichsanstalt ist heute nur noch die Musteranlage und einige nachleuchtende Pfeile am Haus Nr. 31 erhaltengeblieben. Diese wiesen den Weg zu einem früheren Schutzraum. Zwei dicke Stahlklappen, die noch immer außen an einem Kellerfenster angebracht sind, zeugen davon.

    Instandsetzung

    Nach der Entdeckung im Frühjahr 2000 begann sich der Verein für die kleine, aber dafür gut erhaltene Luftschutz-Musteranlage zu interessieren. Bei der ersten Begehung durch Mitarbeiter der Hausverwaltung, der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliedern des Vereins wurde allen Beteiligten schnell klar, welcher „Schatz“ hier wiederentdeckt wurde. Viel Überzeugungsarbeit mußte bei den Verantwortlichen nicht mehr geleistet werden, um die seit mehr als 30 Jahren ungenutzte Anlage in die Obhut des Vereins zu übergeben. Um die Anlage wieder in Stand zu setzen, mußte als erstes das Gerümpel der letzten 30 Jahre herausgeschafft werden. Hierbei erhielten wir Unterstützung durch die Polizei-Behörde. Wir durften auf dem dienststelleneigenen Schrottplatz sämtlichen anfallenden Schutt, Schrott, und altes Holz abladen.
    Das Inventar des alten Schießstandes, der durch die vielen Bleigeschosse als Sondermüll eingestuft werden musste, wurde ebenfalls ordnungsgemäß durch die Behörde entsorgt. Dazu gehörten auch die acht Kubikmeter Sand, welche als Geschoßfang in die Anlage eingefahren wurden. Diesen Sand wieder rauszuschippen, war eine Arbeit für überzeugte Optimisten. Die beiden Treppen waren bei der ersten Besichtigung in einem so schlechten Zustand, daß sie eine regelrechte Gefahr darstellten. Die Eingänge wurden mit Hilfe einer durch die Behörde bezahlten Maurerfirma wieder instandgesetzt. Auch die Elektrik war durch die Luftfeuchtigkeit stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie wurde ebenfalls durch die Behörde erneuert. Leider passt die neu installierte Elektrik nicht mehr zu den alten Tunneln. Unsere Vereinselektriker müssen an dieser Stelle noch einmal Hand anlegen, um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen und mit historischen Baumaterialien den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

    Zukunftsaussichten

    Der Verein Berliner Unterwelten beabsichtigt in den nächsten Jahren in der Anlage eine Ausstellung aufzubauen. Ziel ist es dabei, die Geschichte des Geländes von der Reichsgründung im Jahre 1871 bis hin zur unmittelbaren Gegenwart einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Parallel bemühen wir uns, auch die Geschichte der damals am Bau dieser Musteranlage beteiligten acht Firmen nachzuvollziehen. Zum „Tag des offenen Denkmals“ am 11. September 2004 konnten wir die Anlage bereits der interessierten Öffentlichkeit (ca. 300 Besucher in Kleingruppen) präsentieren.
    Einer geplanten Aufnahme der Anlage in die Landesdenkmalliste sollte ebenfalls nichts im Wege stehen. Da das gesamte Gelände unter Denkmalschutz steht, könnte die Musteranlage problemlos mit eingetragen werden.

    Autor: André Knorn, Stand: 20. Dezember 2008