Sonderbauten

    Der AEG-Versuchstunnel

    Nur wenige Namen stehen in Berlin so stellvertretend für die Industrialisierung und Elektrifizierung wie der der „Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft“ (AEG). Ab 1895/96 entstand unter dem Firmengründer Emil Rathenau auf dem Gelände des ehemaligen Vieh- und Schlachthofes südlich des Volksparks Humboldthain eine Großmaschinenfabrik der AEG, die nach und nach zur regelrechten Fabrikstadt erweitert wurde. Namhafte Architekten wie Franz Schwechten und Peter Behrens waren am Bau beteiligt.
    Um das Areal mit der Apparatefabrik der AEG an der Ackerstraße zu verbinden, baute man schon 1895/97 einen 295 Meter langen Tunnel, der bis zu 6,50 m unter der Oberfläche liegt. Elektrisch angetriebene Tunnelwagen fuhren fortan durch die elliptisch geformte 2,60 m breite und 3,15 m hohe Röhre und transportierten Arbeiter und Material zwischen den beiden Standorten hin und her. Der Tunnel kann somit als Vorläufer der U-Bahn angesehen werden. Neue Verkehrsmittel waren zu dieser Zeit gefragt. Werner von Siemens schlug beispielsweise eine „Unterpflasterbahn“ nahe der Oberfläche vor. Die AEG favorisierte eine unterirdische Röhrenbahn nach Londoner Vorbild, was jedoch beides von den Erbauern der gerade erst errichteten Kanalisation abgelehnt wurde. Siemens setzte sich dann zunächst mit dem preiswerteren Konzept einer Hochbahn durch. Die AEG nutzte ihren Tunnel aber weiterhin für betriebsinterne Zwecke und zu Testzwecken. Um 1910 wurde die östliche Tunnelrampe abgebrochen, der Tunnel selbst um fast hundert Meter in die Kellerräume der neu errichteten Kleinmotorenfabrik an der Voltastraße verlängert. Zwischenzeitlich wurde er im Ersten Weltkrieg als Produktionsstätte von Munition und im Zweiten Weltkrieg als „Werkluftschutzanlage“ für die Betriebsangehörigen genutzt. Zu Kriegsende im Frühjahr 1945 waren beide AEG-Komplexe stark in Mitleidenschaft gezogen, da der Bereich um den Humboldthain die letzte Verteidigungsinsel Berlins bildete.
    Nach dem Wiederaufbau produzierte die AEG noch bis 1984 an der Volta- und Brunnenstraße, dann wurde der Standort endgültig geschlossen. Die östliche Hälfte des Geländes wurde vom Paderborner Computerhersteller Nixdorf erworben, der Mitte der 1980er Jahre – vom Beamtentor an der Brunnenstraße abgesehen – die gesamte historischen Bausubstanz abreißen ließ, um in einem modernen Glaspalast seine Computerproduktion anzusiedeln. Doch der Erfolg währte nicht lange. Heute ist dort der Bankenservice, eine Tochtergesellschaft der Landesbank Berlin, untergebracht. Die verbliebenen, denkmalgeschützten historischen Fabrikgebäude werden seit 1986 von einem Gründerzentrum sowie einem Technologie- und Innovationspark von Instituten der Technischen Universität, Gewerbebetrieben und Medienunternehmen genutzt.
    Der Versuchstunnel, ebenfalls denkmalgeschützt, lag lange Zeit im „Dornröschenschlaf“. Sein südlicher Zugang wurde zugemauert, nachdem das Areal an der Ackerstraße 2006 den Eigentümer wechselte. In der Folge stand der Tunnel teilweise unter Wasser und war mehrere Jahre nicht mehr zugänglich.
    Auf Initiative des Berliner Unterwelten e.V. konnte der Tunnel mit Unterstützung des Eigentümers, der GSG, trockengelegt, instandgesetzt und für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Dabei wurde auch der Großteil des historischen Gleises wieder freigelegt.

    Ab 8. April 2017 werden wir den Tunnel im Rahmen der regelmäßigen Führung Tour A wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen.

    Während der Führung geben wir Ihnen zunächst in einem kleinen Lichtbildvortrag einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Geländes und des Versuchstunnels, bevor wir den Tunnel selbst betreten und durchlaufen. Anschließend verschaffen wir uns an der Oberfläche einen Überblick über das Areal und vollziehen den Tunnelverlauf nach.

    Fakten

    in Betrieb: 31. Mai 1897-1916 und 1919-1942 als interne Werksbahn.
    Ausdehnung:
    Länge 295 m (nach Verlängerung heute 374 m), Breite 2,60 m, Höhe 3,15 m.
    Nutzungszweck:
    Versuchstunnel für die U-Bahn 1897, bis 1916 und 1919-42 betriebsinterne elektrische Tunnelbahn.
    Zustand:
    Intakt, steht unter Denkmalschutz, öffentlich zugänglich im Rahmen der Tour A ab 8. April 2017.

    Autoren: Dietmar Arnold, Holger Happel, Stand: 28. Februar 2017